Höhepunkte
19. - 02.06.2012
München – eine Stadt der Musik
München ist seit alters her eine Stadt der Künste - nicht zuletzt auch und vor allem eine der Musik. Bedeutende Musikinstrumenten-Sammlungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten beherbergen das Deutsche Museum, das Nationalmuseum und das Stadtmuseum. Drei Weltklasse-Orchester bilden die Spitze einer klangvollen Pyramide. Die Musikstadt München, dazu gehören nicht nur die großen DREI, sondern auch das Münchener Kammerorchester, ein auf den Spagat zwischen Klassik und Moderne setzenden Ensemble, die populären Münchner Symphoniker, Spezialensembles für Barockmusik wie die Neue Hofkapelle und Laienorchester. Nicht zu vergessen ist die außerordentlich lebendige Chorszene im Spannungsfeld zwischen Laien und Profis.
Nicht selten leuchtete über dieser Pyramide ein Dreigestirn großer Dirigenten wie anno 1967 Rudolf Kempe bei den Philharmonikern, Rafael Kubelik beim BR und Joseph Keilberth an der Staatsoper. 1990 bildeten Sergiu Celibidache, Colin Davis und Wolfgang Sawallisch die Trias; später waren es James Levine, Lorin Maazel und Zubin Mehta gleichzeitig; derzeit sind es Christian Thielemann, Kent Nagano und Mariss Jansons. Neben Lorin Maazel bei den „Philis“ und Mariss Jansons beim BR wirkt ab Herbst 2013 der junge Russe Kirill Petrenko am Nationaltheater.
Kaum eine Stadt kennt ein so breites, hochkarätiges Spektrum an Musik – vom Jazz und der volkstümlichen Blas- und Tanzmusik auf der Wies‘n wie im Biergarten und der Neuen Volksmusik über Rock und Pop in der Muffathalle und andernorts bis zur klassischen Musik in Kirche, Konzertsaal und den vier Spielstätten für Musiktheater: Nationaltheater, Cuvilliés-Theater, Gärtnerplatztheater und Prinzregententheater.
Die Münchner Philharmoniker sind „das Orchester der Stadt“, das Bayerische Staatsorchester wird hauptsächlich vom Land Bayern finanziell ausgestattet und ist auch das Orchester der Staatsoper; Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks erfüllen neben dem Münchner Rundfunkorchester mit seinen Aufgaben im Bereich der leichten Muse und der Reihe „Paradisi Gloria“ mit zeitgenössischer Sakralmusik den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Bayerischen Rundfunks im Bereich der anspruchsvollen groß besetzten Symphonik-live und in Studioaufnahmen. BR-Klassik ist die einzige ganz der klassischen Musik gewidmete Welle innerhalb der ARD. Live-Übertragungen der Premieren der Bayerischen Staatsoper, aller Konzerte des hauseigenen Symphonieorchesters, aber auch der Münchner Philharmoniker und alljährlich aus Bayreuth und von vielen anderen Festival während der sommerlichen „Festspielzeit auf BR Klassik“ gehören zu den Kernaufgaben von BR Klassik, das unter diesem Namen auch ein eigenes Label gegründet hat.
Tradition wird großgeschrieben
Tradition wird bis heute in der einstigen katholischen Residenzstadt München großgeschrieben: Bis auf Orlando di Lasso, der das Musikleben der Stadt zu Lebzeiten wie kein anderer geformt und mit seiner Hofkapelle zur Hochblüte gebracht hat, reicht die Geschichte des Bayerischen Staatsorchesters zurück. Lasso ist der erste einer Reihe bedeutender Komponisten, die das Musikleben Münchens auf verschiedenste Art mitbestimmt, gewandelt oder geprägt haben. Er tritt 1556 in die Hofkapelle ein, als Sänger, „Maestro della musica di camera“ und bevorzugter Komponist. Ob weltliche Musik in Tanz-, Liebes-, Trink- und Bauernliedern; ob Madrigal, Motette oder Messe; ob auf französisch, deutsch, lateinisch oder italienisch - Lasso spielte virtuos auf der Klaviatur der musikalischen Formen seiner Zeit.
Der Hof ermöglichte die Pflege der Oper seit 1651, drei Jahre später wurde das Opernhaus am Salvatorplatz eingeweiht, 1680 begann die erste Blütezeit, die bis 1821 anhielt, 1753 kam das das „Kurfürstliche Hof- und Nationaltheater“ (ab 1795 nach seinem Architekten Cuvillés-Theater genannt) dazu, am 12. Oktober 1818 wurde das Nationaltheater eingeweiht, am 4. November 1865 das Gärtnerplatztheater, am 21. August 1901 das Prinzregententheater. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts gab es vier Opernhäuser in München, was zwar nicht vergleichbar ist mit Venedig in seiner Blütezeit, aber in Deutschland doch einzigartig.
Mozart-Pflege
Leider bekam Wolfgang Amadeus Mozart trotz mehrfacher Anläufe nie die ersehnte Festanstellung. Immerhin kann sich München glücklich schätzen, Uraufführungsort von „La finta giardiniera“ (1775) und „Idomeneo“ (1781) gewesen zu sein, der Ursprung einer bis heute andauernden Mozart-Pflege, die allerdings übertroffen wird von der Uraufführungs- und Interpretations-Geschichte zahlreicher Musikdramen Richard Wagners wie „Tristan“ (1865), „Meistersinger“ (1868), „Rheingold“, „Walküre“ und 1888 sogar posthum des Jugendwerks „Die Feen“. Zuvor hatte es Wagner in der Stadt durchaus schwer gehabt, nicht kampflos kam es zu den Erstaufführungen von „Tannhäuser“ und „Lohengrin“, bei letzterem sprach die Presse 1858 von „raffinierten Höllenmaschinen zum Ruin der menschlichen Stimme“ und nannte Wagner den „Zukunftsmusiker, der keine Zukunft hat“. Doch drei Jahre später sah der 15-jährige Ludwig diese Aufführung als seine überhaut erste Oper. Der 4. Mai 1864 aber war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft – zwischen dem 51-jährigen Komponisten und dem 18-jährigen König, ohne dessen Unterstützung es kein Wagner-Festspielhaus gegeben hätte, das eigentlich auf dem Isarhochufer mit Blick auf die Stadt geplant war, dann in Bayreuth gebaut wurde und schließlich 1901 als verkleinerte Kopie als Prinzregententheater nach München zurückkehrte!
18 Jahre alt und schon ein respektabler Komponist war Richard Strauss, als Wagner 1883 starb. Schon sein Vater war als Hornist im Hofopernorchester eng mit dem Musikleben der Stadt verbunden, spielte bei den Uraufführungen von „Tristan“ und „Meistersinger“ mit. Das von ihm gegründete Liebhaberorchester „Wilde Gungl“ existiert noch heute, doch der Sohn sollte in München nie so recht heimisch werden. Der 22-jährige wurde für drei Jahre Kapellmeister am Hoftheater. Doch seinem Mentor Hans von Bülow schrieb er gegen Ende seiner Amtszeit: „Ich habe nun allmählich eingesehen, dass hier absolut nicht der Boden ist, wo ein erfreuliches Musikleben gedeihen kann. Aus dem Dreck, in dem ich hier alles finde, könnte ich allein den Karren nie herausziehen. Öder Sumpf, Biersumpf überall.“ Leider ist nicht überliefert, worüber sich der junge Komponist da so ereiferte. 1894 wurde er zwar Nachfolger Hermann Levis, aber die Querelen um die Erstaufführung seines „Guntram“ 1897 machten ihm, den das Orchester als „Gottesgeißel“ zu entfernen bat, München nicht sympathischer. Gerächt hat er sich mit der „Feuersnot“, in der er seine Heimatstadt als bornierte, sinnenfeindliche Spießer brandmarkte. Gewohnt hat er bis seinem Tod 1949 seit 1899 jedenfalls nicht mehr in München, sondern in Garmisch. Seit 1910 aber gab es immer wieder Richard-Strauss-Wochen, zuletzt 1988 eine Gesamtaufführung aller seiner Werke für das Musiktheater. Uraufgeführt wurden freilich in München nur die Spätwerke „Friedenstag“ (1938) und „Capriccio“ (1942).
Seine Zeitgenossen Engelbert Humperdinck (1854-1921) und Hans Pfitzner (1869-1949) sind der Wagner-Nachfolge zuzurechen, während Carl Orff (1895-1982) und Werner Egk (1901-1983) sowie Karl Amadeus Hartmann (1905-1963) bereits der nächsten Generation angehören. „Was mir diese meine enge und weitere Heimat gegeben hat, ist eingegangen in meine Werke“, so Carl Orff, dessen „Mond“ und „Astutuli“ “ in München uraufgeführt wurden. Die „Carmina Burana“ beruhen auf Textsammlungen des berühmten Münchner Brauchtumsforschers Andreas Schmeller, einer der Originalschauplätze seiner „Bernauerin“ ist die Alte Residenz in München. Hartmann ging im Gegensatz zu Orff und Egk in die innere Emigration, komponierte als „Gegenaktion“, wie er einmal sagte, insgesamt acht Symphonien, die er nach dem Krieg von politischen Anklängen und dem Ruch einer „Bekenntnismusik“ weitgehend befreite und gründlich überarbeite. Mit der bis heute bestehenden „musica viva“ des BR gründete er nach dem Krieg eine der bedeutendsten Reihen mit zeitgenössischer Musik.